Zum Rücktritt des Präsidenten Andrea Engi

In eigener Sache hat der Präsident des JAZZ CLUB CHUR, 

Andrea Engi den interessierten Jazzfreunden bei dieser Gelegenheit folgendes mitgeteilt:

 

Voraussichtlich werden das die zwei letzten Konzerte sein, welche ich für den Jazz Club organisiere. Sollte sich keine drastische Wende mehr einstellen, werde ich Ende Jahr das Handtuch werfen. Die hiesigen Produktionsbedingungen sind für einen Veranstalter, der sich seit 41 Jahren *) darum bemüht, in Chur mit seinem Programm hohe und höchste Qualitätsstandards auf weltweit gültigem Niveau zu erfüllen, mehr und mehr unakzeptabel geworden. Für grössere Konzerte fehlen das Geld und ein akustisch befriedigender mittelgrosser Saal mit Konsumationsmöglichkeiten und einem ansprechenden Ambiente.

 

Bei den kleineren Konzerten ist die Zahl der Besucher rückläufig, mangelt es an Presse und Politik. Die am Ort anfallenden Kosten steigen unablässig und sind jetzt fast immer höher als die den Musikern bezahlten Gagen. Gleichwohl ist die seit Mitte der 90er Jahre unveränderte Subventionshöhe für den JAZZ CLUB CHUR bei Stadt und Kanton angeblich unverrückbar. Chur will kulturell erst ab 2025 besser werden (mit der "Kulturstrategie 2025" will man den Mangel an Räumlichkeiten und Infrastruktur beheben - alles andere gleich lassen). Das ist für mich keine Perspektive. Der JAZZ CLUB CHUR steht daher zur Disposition und einem allfälligen Nachfolger offen.

 

Ich danke allen, die mir und dem JAZZ CLUB CHUR in den vielen Jahren immer wieder weitergeholfen haben, ganz herzlich. Ein besonderer Dank gilt unserem unermüdlichen Klavierstimmer Ewald Probst und dem stets für einwandfreien Sound besorgten Claudio Brasser wie auch Alexander Sasha Starcevic und Adrian Wick für die Neugestaltung und Betreuung der Website des Clubs. 

 

Mit lieben Grüssen

Andrea Engi

 

*) Der JAZZ CLUB CHUR wurde am 4. November 1977 (vor 41 Jahren) gegründet von Andrea Engi Präsident, Christian Boner Kassier, Werner Tester Dokumentalist, Kurt Rüedi und Urs Schlenker. Die Konzertorganisation besorgte von allem Anfang an der Präsident. Der Vorstand wurde dann rasch kleiner, und seit ca. 35 Jahren war der Präsident allein für die Belange des Clubs tätig, unterstützt lediglich von seinem Dokumentalisten Werner Tester.

 

 

Im folgenden Interview mit der Südostschweiz finden Sie weitere Informationen zum derzeitigen Zustand und zur Zukunft des JAZZ CLUB CHUR.

 

südostschweiz, Donnerstag, 1. November 2018

«Mit dem Jazz Club Chur habe ich abgeschlossen

mit Andrea Engi 

sprach   Valerio Gerstlauer

 

Für Andrea Engi macht es keinen Sinn mehr, sich weiterhin als Präsident für den Verein Jazz Club Chur einzusetzen. Zu gross sind für ihn die Widerstände geworden, die sich beim Organisieren von Konzerten in Chur ergeben. Für grössere Konzerte fehlten das Geld und ein akustisch befriedigender mittelgrosser Saal mit Konsumationsmöglichkeiten und einem ansprechenden Ambiente, schrieb der 71-jährige Engi kürzlich an die Mitglieder des Jazz Club Chur. «Das ist für mich keine Perspektive – der Jazz Club Chur steht daher zur Disposition und einem allfälligen Nachfolger offen.»

Im Interview schätzt Engi die Zukunftsaussichten des Vereins ein. Einer Zusammenarbeit des Jazz Club Chur mit der Konzertreihe «Weekly Jazz» steht er offen gegenüber.

Sucht nach einer Lösung: In den nächsten Monaten will Andrea Engi einen oder mehrere mögliche Nachfolger finden. Foto: OLIVIA ITEM
Sucht nach einer Lösung: In den nächsten Monaten will Andrea Engi einen oder mehrere mögliche Nachfolger finden. Foto: OLIVIA ITEM

Herr Engi, Sie werden diesen Monat als Präsident des Jazz Club Chur zurücktreten. Bedeutet dies das Ende des seit 41 Jahren bestehenden Vereins?

Das weiss ich noch nicht. Es ist aber so, dass ich seit 35 Jahren den Jazz Club Chur als One-Man-Show betreibe, es gab in dieser Zeit auch nie Vereinsversammlungen, die Organisation der Veranstaltungen ging nur über mich. Insgesamt waren dies 474 Konzerte.

 

Findet sich im Verein niemand, der Ihre Nachfolge antreten möchte?

Ich habe nun natürlich Briefe erhalten von Leuten, die es schade finden, dass ich aufhöre. Und es gibt solche, die finden, dass man den Jazz Club Chur in irgendeiner Form weiterbetreiben sollte. Aber das steckt noch in den Anfängen. Es ist überhaupt nicht sicher, dass sich jemand dann wirklich dafür engagiert. Es wird nun Gespräche mit verschiedenen Leuten geben, eventuell auch Sitzungen. Wenn man den Club jedoch weiterführen möchte, sollte bis Januar oder Februar 2019 eine Lösung gefunden sein. Ich kann mir dabei vorstellen, dass nicht mehr eine Einzelperson die Organisation der Konzerte übernimmt, sondern eine Art Gremium.

 

Sollte Ihr Nachfolger jemand aus dem Verein sein, oder kann das auch ein Auswärtiger übernehmen?

Die wenigen Jazzfreunde, die es in Chur gibt, sind meistens Mitglieder des Vereins (lacht). Ich muss dazu noch sagen, dass die Einnahmen aus den Mitgliederbeiträgen sehr stabil sind. Zurzeit zählt der Verein immerhin noch rund 250 Mitglieder. In der Schweiz gehören wir damit zu den grossen Jazz-Clubs, natürlich auch wegen des internationalen und stilübergreifenden Programms.

 

Was sind die Gründe, dass bei Ihnen die Motivation verflogen ist?

Ich habe nicht unbedingt die Motivation verloren. Das Problem ist, dass ich das Programm nicht besser machen kann, als es jetzt ist. Früher war dies anders. Früher versuchte ich, die ganze Jazzgeschichte einzufangen, von den Anfängen bis zur Avantgarde – immer als Halbjahresprogramm. Dann gab es zusätzlich während Jahrzehnten etwa halbjährlich ein grosses Highlight-Konzert mit viel Publikum und viel Presse. Dies konnte ich in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr machen. Ich musste mich aus finanziellen Gründen auf die kleineren Konzerte konzentrieren. Denn die Stadt Chur und der Kanton zahlen seit Mitte der Neunzigerjahre immer gleich viel oder sogar leicht weniger. Früher konnte ich zudem an den Jubiläumsanlässen mit zusätzlichen Beiträgen ein grosses Programm auf die Beine stellen. Im vergangenen Jahr fehlte auch dafür die finanzielle Unterstützung von Kanton und Stadt. Solche grossen Konzerte braucht es aber weiterhin als Aufhänger.

 

In den vergangenen Jahren haben Sie immer wieder den Kanton und die Stadt Chur für deren Subventionspolitik und fehlenden Konzerträume kritisiert. Tragen Stadt und Kanton in Ihren Augen die Hauptschuld am Niedergang des Jazz Club Chur?

Ohne Stadt und Kanton geht halt wirklich gar nichts. Denn die Stiftungen, die uns unterstützten, bezahlen eher bescheidene Beiträge.

 

Das Umfeld mag garstig sein. Allerdings zogen die Konzerte des Jazz Club Chur in den vergangenen Jahren ohnehin immer weniger Besucher an. Kam Ihnen nie der Gedanke, das Programm anzupassen oder das Konzept zu ändern?

Dies wollte ich bewusst nicht machen. Ganz am Anfang hatten wir noch Dixieland-, Blues- und Gospelkonzerte. Ich verbannte diese aber bald einmal aus dem Programm. Bei Lokalmatadoren machte ich bisweilen Ausnahmen. Ich war aber eigentlich stets davon überzeugt, dass nur Vollprofis im Jazz Club Chur auftreten sollten. Musiker, die national und international tätig sind.

 

Die Konzertreihe «Weekly Jazz» in der Churer «Marsöl»-Bar konnte im Gegensatz zum Jazz Club Chur in den vergangenen zehn Jahren stetig Publikum hinzugewinnen. Haben Sie jemals in Betracht gezogen, mit «Weekly Jazz»-Gründer Rolf Caflisch zusammenzuspannen?

Das kann sich jetzt vielleicht ergeben. Rolf Caflisch hat mich diesbezüglich bereits angerufen. Er hat ja mit einem Jamsession-Programm angefangen, und das ist ein Programm, das der Jazz Club Chur nicht mehr pflegen konnte. Interessanter finde ich Caflischs Reihe «Weekly Jazz In Concert», dort fand er zum Teil gute Schweizer Musiker. Aber er beschränkt sich in der Regel eher auf Leute, die am Abend wieder nach Hause gehen, also auf Musiker, die bloss lokal oder überregional bekannt sind. Caflisch hat durchaus viel erreicht, er macht seine Sache gut. Er hat aber – so würde ich sagen – ein anderes Zielpublikum als der Jazz Club Chur. Ich wollte jedenfalls unsere Qualität nie senken und verfolgte stets ein elitäres Programm.

 

Eine Fusion von «Weekly Jazz» und dem Jazz Club Chur sehen Sie also nicht?

Eine blosse Fusion wird es nicht geben. Eine Zusammenarbeit kann ich mir aber gut vorstellen, solange der Jazz Club Chur als eigenes Gefäss weiterexistiert.

 

In Chur werden Sie den Stab also demnächst wohl weitergeben. Wie sieht es mit Ihrem Amt als Präsident des Schweizer Jazzarchivs Swissjazzorama in Uster aus?

Dies hat mit dem Jazz Club Chur gar nichts zu tun. Ich werde weiterhin dem Jazzarchiv vorstehen. Dort sind wir finanziell allerdings auch nicht besser aufgestellt als in Chur (lacht).

 

Am 10. November soll das voraussichtlich letzte Konzert des Jazz Club Chur stattfinden. Hat der Verein etwas Spezielles geplant?

Es ist nichts vorgesehen. Wenn jedoch jemand etwas machen will, nehme ich das gerne entgegen.

 

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf dieses letzte Konzert?

 

Es sind keine besonderen Gefühle. Ich habe jetzt einfach aufgehört, mir Gedanken darüber zu machen, wie ich die nächsten Konzerte finanzieren könnte. Persönlich habe ich mit dem Jazz Club Chur abgeschlossen.

 

 

Jazz der Weltklasse in Chur

Der JAZZ CLUB CHUR ist unentwegt und munter unterwegs als ein Verein, der zur raren Spezies jener Bündner Veranstalter gehört, denen regierungsrätlicherseits das vielsagende Prädikat, er sei von einer "kulturpolitischen Relevanz", verliehen wurde. 2017 darf er auf sein 40-jähriges Wirken zurückblicken. 

 

Andrea Engi, der stets gleiche Präsident des Clubs, organisiert durchschnittlich 12 Konzerte pro Jahr seit der Gründung bald 500 Konzerte. Mehr als 1'700 verschiedene 20- bis 90-jährige Musiker aus aller Welt gastierten schon in Chur, legendäre, weltbekannte und andere. Unzählige von ihnen wurden mehrfach engagiert. Gut die Hälfte der Musiker sind Ausländer. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, hat der Präsident alle beim Z'Nacht persönlich kennengelernt. Mit vielen ist er sehr vertraut und bestens bekannt. Zahlreiche gehören zum Freundeskreis. 

 

Das Programm ist überwiegend "gemässigt modern", enthält kaum Dixie, Gospel oder Blues, wagt jedoch oft auch Ausflüge in die weitere Szene, von uralt bis Avantgarde und Experiment. Giganten des Jazz waren in Chur, wie Dave Brubeck, Teddy Wilson, Art Blakey, Jimmy Smith oder Clark Terry, und unglaublich viele, die in einem Jazzlexikon als herausragend erwähnt werden, so Mathias Rüegg, Franco Ambrosetti, George Gruntz, George Robert, Gebhard Ullmann, Eddie "Lockjaw" Davis, Harry "Sweets" Edison, Al Grey, Ingrid Jensen, Sandy Patton oder Joanne Brackeen. Viel Zeit investiert der Präsident in die Suche nach Talenten. Es gibt eine grosse Zahl von Musikern, die ganz am Anfang ihrer Karriere beim Jazz Club Chur aufgetreten sind und später weltweit Karriere gemacht haben. So gastierten Wynton Marsalis und Bobby Watson 1981 in Chur, Steve Coleman 1982, Jane Ira Bloom 1984, Terri Lyne Carrington 1985, Geri Allen 1986, Diana Krall 1989 oder Carolyn Breuer 1993. In den Startlöchern für eine Weltkarriere stehen sicher Sarah Büchi 2012 und Lia Pale 2013.   

 

Der Verein hat etwa 350 Mitglieder und stemmt ein jährliches Ausgabenvolumen von Fr. 60-70'000.--. 

 

Die Tätigkeit des JAZZ CLUB CHUR wurde seit dessen Gründung sehr sorgfältig dokumentiert. In den Anfängen wurden gut 100 Konzerte auf Tonträgern verewigt. Ueber die ersten 30 Jahre gibt es ein dickes Buch, das immer noch erhältlich ist. Für jedes weitere Jahr wurden in Kleinstauflagen Nachträge erstellt und Register nachgeführt. Es gibt fast 100 Fotoalben, in denen alle Vorschauen, Plakate und Inserate des Vereins, sämtliche Vorschauen und Kritiken der Presse, die Unterschriften und Notizen der auftretenden Musiker, Fotos usw. fein säuberlich versammelt sind. Das alles verdankt der Jazz Club Chur seinem leider verstorbenen unermüdlichen Dokumentalisten Werner Tester, der über Jahre auch die Plakate für den Verein gestaltet hatte.